Markus Mühling-Schlapkohl
Historisches
Die
vorliegende Dreieinigkeitsikone wird Andréj Rubljów zugeschrieben,
ein Mönch und Maler, der zwar 1988 anlässlich der Tausendjahrfeier
der russisch-orthodoxen Kirche heilig gesprochen wurde, über dessen
Leben wir aber so gut wie nichts wissen. Sicher ist, dass Rubljów
und ein älterer Mitbruder, wahrscheinlich einer seiner Lehrer, Daniíl
Tschórnyj, mit der Ausmalung der Dreifaltigkeitskirche des Ssérgij-Klosters,
75 km nordöstlich Moskaus, beauftragt wurde. Da diese Kirche seit
1422 gebaut wurde und einige zeitgenössische Quellen darauf schließen
lassen, dass Rubljów nicht nach 1427 gestorben sein dürfte,
ist die Entstehung der Ikone, die als Ortsikone in der Ikonostase der Kirche
diente, in diesem Zeitraum anzusiedeln. 1551 wurde auf der Moskauer Hundertkapitelsynode
die Dreieinigkeitsdarstellung Rubljóws dogmatisch als Vorbild für
Dreieinigkeitsdarstellungen definiert. Dies ist die erste Erwähnung,
die Rubljów die Ikone zuschreibt. Ob sie daher von ihm oder Tschórnyi
stammt, ist mit Sicherheit nicht festzustellen.
Diese
Unsicherheit der Autorenschaft hat freilich keine große Bedeutung,
da Ikonen nicht als individuelles Werk eines Autors gelten und nur selten
signiert sind. Der Maler stellt sich vielmehr in die Tradition der Kirche
und versucht, den entsprechenden dogmatischen Gehalt getreu darzustellen.
Obwohl Rubljóws Darstellung als verbindlich definiert wurde, steht
auch diese Ikone in einer Traditionsreihe.
Interpretationsleitlinien
Einige wichtige Darstellungsgrundsätze der Ikonenmalerei sind zu nennen: Da der unsichtbare Gott in seiner Majestät nicht direkt bildlich dargestellt werden kann, kann er nur insofern dargestellt werden, als er sich selbst raumzeitlich seinen Geschöpfen identifiziert hat. Insofern sind Christusdarstellungen die wichtigste Form der Ikonen, die eine Sichtbarkeit Gottes veranschaulichen, neben Ikonen, die sich auf andere epiphanische Ereignisse beziehen, wie sie in der Schrift dargestellt werden. Die Darstellung der Trinität stößt nun auf ein gewichtiges Problem: Die gesamten Konstitutionsbedingungen der Schrift und des Evangeliums lassen sich nur trinitarisch verstehen und auch vielen Einzeltexten liegt eine prototrinitarische Tiefenstruktur zugrunde. Indem Jesus Christus den Gott Israels als Vater anruft und seine Botschaft durch seine Auferweckung bestätigt wird, die den Gläubigen aber nur unverfügbar durch das Handeln des Geistes erkennbar ist, identifiziert sich Gott als trinitarischer. Aus diesem Grund kann es nun auch keine einzelne Epiphanie der gesamten Trinität geben. Wollte man nun die Trinität als ganze bildlich darstellen, griff man im Westen oft zu Hilfskonstruktionen: Man nutzte abstrakte Zeichen wie das Dreieck oder drei ineinander verschlungene Kreise oder man kompilierte und konjizierte den "Gnadenstuhl". Der Ostkirche sind diese Möglichkeiten weitgehend verschlossen. Der "Gnadenstuhl" beruht nicht auf einer biblischen Erzählung, sondern verbindet mehrere solcher und liefert zudem eine direkte Darstellung Gottes des Vaters, die weitgehend verpönt war, da von einer missio des Vaters in die Welt nicht die Rede ist. Abstrakte Darstellungen hingegen sind ausgeschlossen, da sie per definitionem nicht die Fülle und Kommunikabilität des göttlichen Lebens und der göttlichen Liebe zum Ausdruck bringen können.
Eine Hilfe bot in dieser Situation Gen 18, wo von einem Besuch dreier Männer bei Abraham die Rede ist. Dieses geschilderte Ereignis konnte seit früher Zeit als Epiphanie der Trinität gedeutet werden. Allerdings konkurrierten mit dieser Deutung andere Deutungen, die sich ebenfalls in ikonographischen Darstellungen niederschlagen. Zu unterscheiden sind:
- der angelomorphe Typ: Drei völlig gleich als Engel dargestellte Figuren erscheinen bei Abraham und werden bewirtet.
- der christomorphe Typ: Einer der drei, nämlich der mittlere, ist durch darstellerische Mittel wie Kreuzesnimbus, eine größere Darstellung oder durch purpurfarbenes Gewand als Christus identifiziert, der in Begleitung zweier Engel erscheint. Oftmals erleichtern Inschriften die Identifikation erheblich.
- der trinitarische Typ: In Gestalt dreier Engel, die Ähnlichkeit aufweisen aber auch deutlich unterschieden sind, wird die Trinität dargestellt. Der szenische Rahmen von Gen 18 der Ankunfts- und Bewirtungssituation beschränkt sich auf ein Minimum oder entfällt ganz. Auch hier erleichtern Inschriften die Identifikation erheblich. Aufgrund der Art der Darstellung sowie der Verwendung unserer Ikone als Ortsikone einer Dreifaltigkeitsdarstellung, ist unsere Ikone auch ohne Inschrift eindeutig als Exemplar des trinitarischen Typs zu identifizieren.
Dennoch bringt eine Auslegung verschiedene Mehrdeutigkeiten mit sich, die es zu beachten gilt:
1. Der Maler, der die Aufgabe hatte, eine Dreifaltigkeitsdarstellung zu entwerfen, musste diese als getreue Darstellung der orthodoxen Trinitätslehre entwerfen. Er hatte über verschiedene Symboltexte in Meditationszyklen nachzudenken und diese gestalterisch darzustellen. Dabei ist im Einzelfall in der Regel unsicher, um welche Texte es sich handelte, da ähnlich wie im Westen das Pseudoathanasianum eine verbreitete Auslegung des Nizänokonstantinopolitanums mit liturgischer Bedeutung war, es auch in der Ostkirche je lokal differente Auslegungen mit unterschiedlicher liturgischer Bedeutung gab. Ferner sind neben der Darstellung von Einheit und Dreiheit Gottes, einschließlich personindividuierender Proprietäten wichtige allgemeindogmatischen Distinktionen zu beachten, die in unterschiedlichem Gewicht zur Darstellung gekommen sein können. Zu nennen sind hier z.B.:
1.1. die immant-trinitarischen Personalprozessionen,
1.2. die Perichorese,
1.3. die ökonomischen Sendungen
2. Ferner musste das entsprechende Bild in irgendeiner Weise als Darstellung von Gen 18 erkennbar sein, was ebenfalls gestalterisch darzustellen war.
3. Verschiedene Deutungsmuster der anderen beiden Typen können durchaus mit dem trinitarischen Typus inferieren.
4. Allgemeine Grundsätze der Ikonenmalerei sind zu berücksichtigen.
5. Die zwar minimale aber immer noch vorhandene gestalterische Freiheit des Malers ist zu berücksichtigen.
Eine
unterschiedliche Gewichtung dieser Auslegungsgrundsätze kann so zu
je verschiedenen Deutungen unserer Dreifaltigkeitsikone führen. Und
in der Tat finden sich mannigfache Deutungen, die stark differieren. Die
Hauptthese dieses Aufsatzes lautet nun, dass die Interpretationsschwierigkeiten
unserer Ikone nicht primär auf den dem dogmatischen Sachgehalt vielleicht
nicht ganz angemessenen darstellerischen Mitteln beruht, sondern auf auf
theologisch dogmatischen Schwierigkeiten der Trinitätslehre selbst.
Die Dreiheit Gottes an sich
Die
Dreiheit Gottes an sich ist durch die Verwendung dreier Engel gut dargestellt.
Die Einheit Gottes an sich
Die darstellerischen Mittel zum Ausdruck der Einheit Gottes sind ebenfalls deutlich und in Ihrer Deutung unumstritten. Zu nennen sind folgende Elemente:
- Die drei Engel sind in einen großen Kreis eingezeichnet, der von der Schulter des rechten Engels über dessen Stirn, die Stirn des mittleren Engels, des linken Engels sowie dessen Schulter angedeutet ist und der imaginär auf der unteren Bildhälfte über die Füße der Engel vollendet gedacht werden kann.
- Auch die Gleichheit der Nimben deutet die Gleichheit der Personen an. Kein Nimbus hat eine Sondergestalt, wie etwa einen Kreuzesnimbus. Die Flügelaussparungen jedes Engels bilden einen Halbkreis, der die Nimben einfasst.
- Ein Halbkreis in der oberen Bildhälfte läuft vom rechten Arm der rechten Person über die untere Hälfte der Opferschale zum rechten Arm des linken Engels.
- Das blaue Übergewand der mittleren Person ist in einem Dreieck angeordnet, das sich imaginär zu den beiden verborgenen vorderen Ecken des Altartisches erweitern lässt. In beiden Fällen handelt es sich um nahezu gleichseitige Dreiecke.
- Ein Achteck lässt sich bilden von den beiden äußeren Ecken der Fußpodeste über die hinteren Beine der Throne der beiden äußeren Personen über deren Flügelspitzen zur rechten oberen Ecke des Hauses und zur mittleren Bergspitze.
Dass es sich bei der Einheit und Gleichheit der Personen um das Wesen Gottes handelt, wird vor allem durch folgende Merkmale betont:
- Das Gold der Flügel, sowie das des Hintergrundes und das ehemalige Gold der Nimben: Es symbolisiert den raumlosen und zeitlosen Raum Gottes, die Ewigkeit.
- Alle drei Personen haben blaue Gewänder. Das Blau symbolisiert die Unendlichkeit des Himmels und ist ebenfalls göttliches Prädikat
- Die Spitzen der Wanderstäbe der Personen sind als Szepter und somit als herrschaftliches Symbol zu erkennen.
- Schließlich sind die Gesichter der Personen einander ähnlich, allerdings auch nicht völlig unterschieden.
- Die Engel gruppieren sich um den Tisch, der Element einer Doppelszene ist: Zum einen handelt es sich um den Gastmahlstisch Abrahams, zum anderen um einen Opferaltar, deutlich zu erkennen an der Vertiefung für die Altarreliquien an der Vorderseite und an dem Opferkelch auf dem Tisch, in dessen Mitte ein Kalbskopf liegt. Damit ist die soteriologische Relevanz der Erscheinung der Trinität angedeutet: Zur Rettung der Menschen veranstaltet der Dreieinige Gott ein Heilsereignis, dessen Mittelpunkt das Opfer des Sohnes, des in Ewigkeit gemästeten Kalbes (das als Opfergabe in seiner Farbe nachgetönt wurde), an die Menschen ist. Die Darstellung des Opfers als Kalb ist dabei primär durch die Abrahamserzählung Gen 18,7 motiviert, hat aber durchaus bewusst doppeldeutigen Charakter
- Einzelne
Merkmale einzelner Engel tauchen bei je einem anderen wieder auf: Der goldene
clavus am Purpurgewand des mittleren Engels erscheint spiegelbildlich in
blau am Untergewand des rechten Engels wieder, dessen Kleidung insgesamt
spiegelbildlich der des mittleren Engels angepasst ist. Die Farbe des Übergewandes
des linken Engels ist die braun-purpurne Farbe des Untergewandes des mittleren
Engels, durch Mischung aufgehellt.
Der Darstellung der Personalproprietäten
Die
schwierige Frage, über deren Beantwortung es keinen Konsens gibt,
lautet: Wer ist wer? oder: Welcher Engel repräsentiert welche Person
der Trinität? Von den sechs möglichen, mathematischen Zuordnungen
werden zwei nicht vertreten, nämlich diejenigen, die den Vater mit
der rechten Person identifizieren. So bleiben vier Zuordnungen übrig,
die es nun zu besprechen gilt. (1)
1. Geist – Vater – Sohn
Diese Zuordnung war lange Zeit opinio communis, ist es gegenwärtig aber nicht. (2) Was spricht für diese Zuordnung? Sie ist zunächst vertretbar, wenn man vom heilsgeschichtlichen Hintergrund der Darstellung um den Opferaltar ausgeht. Dann ist es wahrscheinlich, dass die Darstellung primär heilsgeschichtliche Aspekte zur Identifizierung der Personen bietet. Ferner könnte sich der Gedanke der Perichorese mit dem Gedanken der Monarchie des Vaters und den Sendungen verbinden. Der mittlere Engel, seine Hand auf dem Tisch liegend mit dem Zeigefinger auf den Kelch weisend (der Mittelfinger wurde bei einer Restauration 1908 ergänzt, um einen Segensgestus zu erhalten), blickt auf den linken Engel, der auf den rechten Engel weist und diesem einen Segensgestus entgegenbringt. Auf diese Weise sind die Engel durch Blicke verbunden. lässt man diese Bewegung bei dem linken Engel beginnen, endet sie bei dem rechten, der Mittlere bleibt außen vor. Bei dem rechten Engel kann sie unmöglich beginnen, denn dieser schaut auf den Kelch. Der Beginn dieser offenen Kreisbewegung bei dem mittleren Engel würde dann den Vater als arche der Gottheit symbolisieren, während die Blicke aber nicht die Hervorgänge repräsentieren, sondern den ewigen Heilsratschluss. Der mittlere Engel bittet den linken um Zustimmung zu seinem Hinweis auf den Kelch, der linke Engel drückt diese Zustimmung aus, indem er auf den rechten Engel verweist, der durch Hand und Augenhaltung demütig auf den Opferkelch blickt und so Bereitschaft zur Menschwerdung ausdrückt. Damit wäre der rechte Engel der Sohn, der linke der Geist. Zusätzliche gestalterische Mittel können diese Zuordnung stützen: Das Übergewand des rechten Engels ist grün, eine Farbe, die den irdischen Bereich symbolisiert. In der Kreuzung seines Wanderstabs mit der oberen Gewandfalte des Obergewandes hat man ein X erblicken wollen. Ferner sind über den einzelnen Engeln verschiedene Attribute dargestellt: Über dem linken ein Haus, über dem mittleren ein Baum und über dem rechten ein Berg. Diese Attribute bilden zunächst das szenische Inventar der Abrahamsgeschichte Gen 18: Das Haus ist das Haus Abrahams, der Baum die Eiche im Hain Mamre und der Berg steht für die wüstenartige Umgebung. Will man diesen Attributen auch personalproprietätischen Charakter zuordnen, stünde der Berg für die Kreuzigungsstätte Golgotha, das Haus symbolisiert als Kirchengebäude die Gemeinschaft der Heiligen und drückt so die Sendung des Geistes aus. Ferner sind alle diese Attribute irgendwie geneigt: Neigen sich nicht der Berg und das Haus dem mittleren Engel zu, ebenso der Baum (der übrigens im Farbton nachgemalt wurde)? Könnte dieser nicht auf den Baum im Garten Eden verweisen oder für die Schöpfung allgemein stehen? Letzteres scheint mir allerdings auf eine Interpretation hinauszulaufen, die erst nach 1980 wahrscheinlich ist.
Ferner
können die Gewänder der Engel diese Interpretation in gewisser
Hinsicht stützen: Der mittlere Engel trägt als Einziger das blaue
Gewand als Übergewand und hebt sich so von den anderen beiden ab.
Das dunkle Purpur seines Untergewandes mit dem goldenen clavus ist von
Haus aus ein kaiserlich-herrschaftliches Zeichen und könnte so für
den ranghöchsten der Engel stehen; ebenso die mittlere Sitzposition.
Die Gewänder des rechten Engels könnten diesen zusätzlich
als „Bild des unsichtbaren Gottes“ zu erkennen geben, denn er ist spiegelbildlich
zum mittleren Engel gekleidet: Der mittlere Engel trägt das blaue
Gewand als Übergewand, der rechte als Untergewand. Der mittlere trägt
einen goldenen clavus auf der rechten Schulter, der rechte trägt einen
blauen clavus auf der linken Schulter (unter dem Stab). Für diese
Zuordnung votiert z.B. Erzbischof Ssérgij Golubzów (gest.
1982), macht sich selbst aber einen gewichtigen Einwand: Warum lässt
der Maler gegen das Bekenntnis den Sohn dann nicht zur rechten, sondern
zur linken Seite des Vater sitzen?
2. Sohn – Vater – Geist
Die genannte Schwierigkeit verschwindet, wenn man die Identifikation der beiden äußeren Engel vertauscht. Diese Deutung wird von vielen Autoritäten vertreten.(3) Für den Tausch von Sohn und Geist spricht hauptsächlich ein externes Argument: Auf der „syrjanischen Troiza“ findet sich genau diese Anordnung: Alle drei Engel haben einen Kreuzesnimbus und eine Buchrolle als Christuszeichen in der Hand. Aber über dem linken Engel steht „und der Sohn“, über dem rechten „und der Geist“. Grund für die Benennung aller Engel als Christus ist, dass letztlich nur in Christus alle Personen zugänglich sind. Auch bildimmanente Gründe können geltend gemacht werden. Jedoch erscheinen sie mir weniger plausibel, so dass auf ihre Anführung hier verzichtet sei.(4)
Geht
man strikt von der Deutung der ostkirchlichen Personindividuation von zwei
verschiedenen Arten von Hervorgangsbeziehung von Sohn und Geist aus dem
Vater aus, könnte man sich überlegen, ob der Maler nicht versucht
haben könnte, diese Beziehungen der Geburt bzw. Zeugung des Sohnes
und des Hervorgang des Geistes darstellerisch zum Ausdruck gebracht zu
haben. Der mittlere Engel könnte dann insofern der Vater sein, als
er auf den linken Engel blickt, was eine Beziehungsart, z.B. den Hervorgang,
andeuten könnte, aber dem rechten mit seiner gesamten Körperhälfte
und seinem deutenden Zeigefinger zugewandet ist, was die andere Beziehungsart
andeuten könnte. Eine Zuordnung, welche Beziehungsart welche ist,
wäre aber nicht möglich.
3./4. Vater – Geist/Sohn – Sohn/Geist
Andere weit verbreitete Zuordnungen identifizieren den Vater mit dem linken Engel. Für diese Identifikation sprechen weniger ökonomische als immanent trinitarische Gründe, die – nicht direkt mit den Blicken –, sondern mit der Neigung der Gesichter identifiziert wird. Der linke Engel hat als einziger der drei die beiden anderem in seinem Gesichtsfeld. Daher ist er die arche der Gottheit. Der mittlere und der rechte Engel neigen sich deutlich dem linken Engel zu. Bei dieser Deutung wäre deutlich, dass es sich um eine ostkirchliche Deutung mit fehlendem filioque handelt. Dieses könnte auch höchstens durch einen schielenden Blick des mit Christus identifizierten Engels ausgedrückt werden. Probleme bereitet allerdings die Darstellung zweier unterschiedener Ursprungsrelationen. Sollte diese Deutung korrekt sein, gäbe es kein darstellerisches Mittel, um Zeugung/Geburt und Hervorgang zu unterscheiden. Damit gäbe es keinen hinreichenden Grund zur Identifizierung von Sohn und Geist. Sollte diese Deutung korrekt sein, wäre zu überlegen, inwieweit es sich nicht einfach um eine malerische Schwäche handeln würde, sondern um eine theologische. Hielte man dies für eine theologische Schwäche, hieße dies, im Prinzip dem westlichen Individuationsmodell mit nur einer Ursprungsrelation einschließlich des filioque zuzustimmen. Man müsste dann bestreiten, dass eine semantische Differenz von Zeugung/Geburt einerseits und Hervorgang andererseits sinnvoll ist.
Identifiziert
man den linken Engel mit dem Vater lassen sich die in den anderen Zuordnungen
gedeuteten Mittel heranziehen: Während Sohn und Geist in der Welt
erscheinen, ist der Vater, bzw. die Gottheit des Vaters eher verborgen;
daher ist sein blaues Gewand stärker von dem Übergewand verhüllt,
wenn das Blau auch durchscheint. Die Attribute des Berges und des Baumes
sind deutlich wie die Gesichter der ihnen zugeordneten Engel dem linken
Engel hingeneigt. Dessen Attribut des Hauses kann auch so gedeutet werden,
dass es sich nicht der Mitte zuneigt. Die seltsame Hausansicht ergibt sich
vielmehr aus einer umgekehrten Fluchtpunktperspektive. Der Fluchtpunkt
liegt nicht im inneren des Bildes, sondern außerhalb, sozusagen im
Auge des Betrachters. Dadurch schaut nicht der Betrachter auf das Szenario
des Bildes, sondern dieses „blickt“ vielmehr auf den Betrachter. Dieses
Verfahren ist bei architektonischen Darstellungen auf Ikonen durchaus üblich.
Das Haus selbst wird mit Hilfe von Joh. 14, 2 („Im Hause meines Vaters
sind viele Wohnungen frei“) dem Vater appropriiert.
3. Vater – Geist – Sohn
Da die Zuordnungen, die den Vater mit dem linken Engel identifizieren mit den immanenten Ursprungsrelationen arbeiten, aber weder zwei verschiedene Arten derer noch ein filioque kennen, müssen für die Identifikation des mittleren und des rechten Engels verschiedene andere darstellerische Mittel gesucht werden. In dieser Zuordnung(5), die den Sohn mit dem rechten Engel identifiziert, sind zunächst die gleichen Gründe geltend zu machen wie in der oben angeführten Zuordnung 1: Das Grün des Gewandes deutet auf die Inkarnation bzw. die menschliche Natur Christ, die demütige Haltung und der rechte Arm deuten die Sendungsbereitschaft an, ein X verbirgt sich vielleicht in der Kreuzung zwischen Gewandfalte und Stab und der Berg wird mit Golgotha identifiziert. Auch hier kann der Sohn in Gestalt des rechten Engels als Bild des Vaters, der nun aber der linke, nicht der mittlere Engel ist, gedeutet werden: Er trägt ebenfalls das blaue Gewand der Gottheit als Untergewand und sitzt dem Vater direkt gegenüber, wie man vor einem Spiegel steht. Die Ähnlichkeit des clavus mit dem mittleren Engel erklärt sich daraus, dass beide in die Welt gesendet sind, der Vater aber nicht. Oft wird auch der Gestus des mittleren Engels – identifiziert mit dem Geist – als Segensgestus über dem Opfer des Sohnes gedeutet. Als solchen hat ihn auch der Restaurator der Ikone verstehen wollen. Jedoch ist zu bedenken, dass dieser Segensgestus nicht ursprünglich ist, da der Mittelfinger ergänzt wurde. Aber auch in diesem Fall wäre der mittlere Engel mit dem Geist zu identifizieren. Sein Zeigefinger deutet, auf der Tischplatte liegend, in diesem Fall auf den rechten Engel als Sohn und verweist somit theologisch korrekt von sich weg auf diesen. Der goldene clavus des Gewandes kann dann nicht als herrschaftliches, sondern als Diakonszeichen verstanden werden.(6)
Nebenbei
sei erwähnt: In dieser Zuordnung sitzt der Sohn bekenntnisgerecht
rechts des Vaters.
4. Vater – Sohn – Geist
Diese Zuordnung ist die gegenwärtig am meisten vertretene.(7) Neben den schon genannten Gründen für die Identifikation des Vaters spricht hier vor allem ein externer Grund: Auf den ikonographischen Deutungen von Gen 18 des christomorphen Typs sitzt dieser immer in der Mitte und ist u.U. durch Attribute wie Kreuzesnimbus und Buchrolle deutlich erkennbar. Zwar fehlen diese Attribute hier, aber die kaisierlich-herrschaftliche Kleidung einschließlich Purpur und clavus entspricht der Kleidung Christi auf anderen Darstellungen Christi. Will man nun diese Kleidung nicht diesem, sondern wie in Zuordnung 1/2 dem Vater oder wie in Zuordnung 3 dem Geist zuweisen, ist man zu Erklärungen aufgefordert: Diese Kleidung als Kleidung des Vaters müsste dann so verstanden werden, dass es sich normalerweise nur deshalb um die Kleidung Christi handelt, weil er inmitten der Geschöpfe dargestellt, ranghöher ist, diese Stellung aber innerhalb der Trinität an den Vater abtritt. Ähnlich könnte die herrschaftliche Kleidung aber auch auf den Geist gedeutet werden, der im Zeitalter der Kirche den Geschöpfen gegenüber herrschaftliche Funktion ausübt. Die Mittelstllung des Sohnes könnte ferner vielleicht zum Ausdruck bringen, daß der Sohn als Offenbarer dem Betrachter zugewandt sein soll.
Mir
persönlich erscheinen die Deutungen, die stark mit externen Mitteln
rechnen oder gar versuchen, die Mimik der einzelnen Personen identifikatorisch
zu verwenden, weniger wahrscheinlich. Am zutreffendsten erscheint m. E.
gleichberechtigt Zuordnung 3 und 1. Insbesondere die Zuordnung des rechten
Engels zur Person des Sohnes halte ich für relativ deutlich.
Fazit
Die Hauptthese dieses Aufsatzes lautete, dass die Interpretationsschwierigkeiten unserer Ikone weniger auf den darstellerischen Mitteln als auf Schwierigkeiten der Trinitätslehre beruhen. Konkret: Die Identifikationsschwierigkeiten der Engelsgestalten der Ikone beruhen auf den Identifikations- bzw. Individuationsschwierigkeiten der Trinitätslehre. Nun war zwar zu sehen, dass sich verschiedene Individuationsmodelle der Trinitätslehre in der Interpretation der Ikone reinterpretieren lassen. Dies ist aber noch keine Bestätigung der These, denn es ist nahe liegend, Probleme der Trinitätslehre in die entsprechende Darstellung hineinzuinterpretieren. Zur Unterstützung der These sind aber zwei Sachverhalte wichtig:
Erstens: Sollte die Ansicht, dass die Zuordnungen 1 oder 3 am wahrscheinlichsten sind, richtig sein, wäre die Person des Sohnes deutlich identifiziert, die anderen nicht. Dies entspräche durchaus dem Sachverhalt, dass die primäre Identifikation (nicht Individuation) des dreieinigen Gottes raumzeitlich erfolgt, nämlich im Christusereignis und dass nur auf dieses bezugnehmend die anderen beiden Personen identifikatorisch erschlossen werden können.
Zweitens: Selbst wenn man sich nicht den Zuordnungen 1 oder 3 anschließen kann, ist dieses Ergebnis sehr deutlich: Unstrittig ist, dass es bei dem „stillschweigenden Gespräch“ der Personen um den Heilsratschluss geht, der in der Hingabe des Sohnes, repräsentiert durch den Kelch, sein Zentrum hat. Damit kann aber die ganze Szene so gedeutet werden, dass eben die Heilsökonomie und das Christusereignis im Vordergrund stehen und die Identifikation der einzelnen Engel mit den entsprechenden Personen dem nachgeordnet ist. Dem entspräche dann die dogmatische Forderung, dass die Identifikation der trinitarischen Personen sich primär and der Heilsökonomie auszurichten hätte. Die opera ad extra wären dann nicht ununterscheidbar, sondern gerade unterscheidbar, wenn auch nicht separierbar. Eine Identität von ökonomischer und immanenter Trinität, in der Identifikation und Individuation der trinitarischen Personen identisch wären, wäre damit aber nicht gelehrt.(8) Vielmehr gilt, dass alles, was identifizierbar ist, auch individuiert sein muss (während nicht alles was individuiert ist, auch identifizierbar sein muss). Man könnte dann sagen: Aufgrund der heilsökonomischen Identifizierung der Personen müssen diese auch individuiert sein. Aber man weiß noch nicht, worin diese Individuation besteht. Festzuhalten wäre lediglich, dass es sich um eine logisch oder strukturell der raumzeitlichen Individuation der Heilsökonomie entsprechende Individuation handeln müsste, da sie der Identifikation nicht widersprechen darf. Weiterhin wäre festzuhalten, dass es sich um keine der Gottheit äußerliche Individuation handeln kann, sondern dass diese mit der Gottheit als äquivalent zu betrachten wäre: Der Individuationsrahmen oder die „Individuationsraumzeit“ der göttlichen Personen ist das Wesen Gottes, verstanden als dynamisches Beziehungsgefüge selbst.
Deutlich drückt die Ikone selbst aus, dass Gott in sich selbst kommunikative Liebe zwischen distinkten Personen ist,(9) die sich zur Welt hin öffnet, sich ihr mitteilt und sie so einbezieht.
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